Wirtschaftskrise als Karriere-Chance für Frauen?

Mittwoch, 25. November 2009 Wirtschaftskrise als Karriere-Chance für Frauen?

Führte eine „männliche Jagd“ nach immer größerem Wachstum unsere Wirtschaft in die Krise? Denken Männer eher an kurzfristige Gewinne? Lassen sie sich deshalb zu risikoreichen Spekulationen verleiten, während Frauen eher langfristige Werte schaffen wollen? Viele Unternehmen mussten in den vergangenen Monaten ihre Produktion drosseln. Die Zahl der Arbeitslosen stieg und steigt vielleicht noch weiter. Die meisten Betroffenen sind Männer, die meisten Entscheider in den Vorständen und Aufsichtsräten ebenfalls. Immer öfter heißt es daher: Das alles hätte nicht passieren müssen oder wäre nicht so schlimm gekommen – gäbe es besser durchmischte Teams und mehr Frauen in Führungspositionen und Regulierungsgremien.

Wir haben fünf Frauen in Führungspositionen nach ihrer Meinung zu diesem Thema befragt:

  • Dr. Friederike Stern, Department Manager Recruiting, OMV
  • Mag. Nicola Edthofer, HR Business Partner, Volksbank AG
  • Mag. Karin Schweinegger, Director of Human Resources, Hotel InterContinental Wien
  • Alexandra Supper, Leitung Sales Karriere/Bildung, Die Presse
  • Gabriele Riedl, Geschäftsführerin, trilog G. Riedl KG

Welchen Einfluss haben Frauen auf den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens? Warum gelten Frauen oft als „die besseren Chefs“?

Der Einfluss von Frauen auf den wirtschaftlichen Erfolg kann genauso groß sein wie der von Männern. Erfolg ist demnach keine Frage des Geschlechts: „Frauen wie Männer bringen in Führungsebenen ihre persönlichen spezifischen Stärken und Schwächen ein, die zwar unterschiedlich sind aber dennoch gleichwertig  “, so Friederike Stern. Allerdings gehen Frauen anders an das Thema Führung heran. Sie sind mehr aufgabenorientiert als Männer, kommen schneller zur Sache, diskutieren Konflikte eher aus als ihnen auszuweichen, arbeiten teamorientiert und denken weniger stark in Hierarchien. „Frauen hinterfragen Themen anders als Männer, oft mit mehr Einfühlungsvermögen und Emotion  “, weiß Trainerin Gabriele Riedl. Auch Alexandra Supper nennt typisch weibliche Eigenschaften als Vorzüge der Chefinnen: „Frauen können besser zuhören und unterschiedliche Menschen besser in einen Prozess einbeziehen als Männer. Sie arbeiten und entscheiden nachhaltiger.  “

Um den gewünschten Erfolg zu erzielen, sollten Frauen in Führungspositionen versuchen, ihre spezifischen Stärken erfolgreich einzusetzen und darauf achten, authentisch zu bleiben und nicht den „männlichen Führungsstil“ zu kopieren, meint Karin Schweinegger. Alexandra Supper führt diesen Gedanken noch weiter fort und sagt: „Wenn eine Spitzenposition, die bislang ausschließlich von Männern besetzt war, nun eine Frau verantwortet, dann wird vorausgesetzt, dass sich damit in einem Unternehmen Veränderungen vollziehen werden. Dies ist ein wichtiges Symbol eines starken Glaubens an eine „Veränderungsfähigkeit“ der Gesellschaft insgesamt und von grundlegendem, symbolischen Wert für sie selbst.  “

Frauen wird nachgesagt, sie hätten einen besseren Blick für das Wesentliche. Im Unterschied zu Männern wären sie auch nicht getrieben durch Eitelkeiten und Prestigesucht. Schadet daher zu viel Männlichkeit in Unternehmen?

Eitelkeiten und Prestigesucht sind bei Frauen ebenso vorhanden wie bei Männern. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern besteht jedoch darin, dass sich Männer eher über Statussymbole, Geld und Titel definieren, Frauen dagegen auch nicht materielle Anerkennung zu schätzen wissen, berichtet Gabriele Riedl aus ihrer Erfahrung. In Managementpositionen gleichen sich Antrieb, Ziele und Verhalten von Führungskräften immer mehr an, ohne Unterschied der Geschlechter, so Friederike Stern. Wesentlicher Punkt ist laut Nicola Edthofer auch, dass Frauen viel zu bescheiden agieren und „darauf vertrauen, für gute Arbeit befördert zu werden, während Männer mehr darauf achten, die richtigen Leute zu kennen.  “

Karin Schweinegger formuliert es so: „Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einer ausgewogenen Mischung an männlichen und weiblichen Dienstnehmern. Diversität ist eine ganz wesentliche Erfolgskomponente  .“ Diversität mache das Management leistungsfähiger, konkretisiert Alexandra Supper.

Je mehr Frauen in der Führungsetage – desto erfolgreicher das Unternehmen? Können Sie dem zustimmen? Warum (nicht)?

Verallgemeinerungen sind hier fehl am Platz, meinen Karin Schweinegger und Gabriele Riedl. Erfolgreiche Unternehmen nützen die „Synergien der Unterschiede von Frauen und Männern in Arbeitsweisen und Denkweisen - vor allem in der Führung  “, weiß Gabriele Riedl. „Die gute Mischung macht’s  “, so formuliert es Nicola Edthofer, weil Frauen durch ihre andere Sichtweise der Dinge oft neue Wege aufzeigen. Alexandra Supper drückt es mit den Worten von Aristoteles aus und findet, „das Maß der goldenen Mitte  “ sollte in allen Belangen des menschlichen Lebens Gültigkeit haben, da jedes Extrem auf die Dauer negative Auswirkungen hat.

Diversität führt aber erst dann zum Erfolg, wenn sie alle Bereiche des Unternehmens umfasst. Sie lässt sich jedoch nur durch die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen (z.B. Integration ins Unternehmen, keine Gehaltsschere, Führungsstil und Unternehmenskultur) erreichen, meint Karin Schweinegger. Friederike Stern wünscht sich, „dass Unternehmen Frauen mit erkennbarem Führungspotenzial gezielt fördern und ermutigen, sich für eine Karriere zu entscheiden, auch mit Kindern.  “

Immer öfter sind nun mehr „weibliche Führungskräfte“ gefragt – nicht als „Quotenfrauen“, sondern als „Heilmittel gegen Krisen“. Findet tatsächlich ein Umdenken statt? Bekommen Frauen nun endlich eine reale Chance, einen gleichen Stellenwert im Wirtschaftsleben zu erlangen wie Männer? Wenn ja, glauben Sie, dass diese Chance auch aktiv genutzt werden wird?

Eine gesellschaftliche Veränderung ist bemerkbar: Frauen haben heute zweifellos bessere Chancen auf einen beruflichen Aufstieg und streben vermehrt Führungspositionen an. Aber: „Wirtschaftskrisen alleine ändern nicht die Chancen für Frauen. Frauen müssen den Grundstein für eine erfolgreiche Karriere selbst legen: mit sehr guter Ausbildung und zunehmender beruflicher Erfahrung  “, appelliert Friederike Stern an die Selbstinitiative von Frauen. Frauen müssten zudem ihre Stärken und Kompetenzen besser verkaufen, ergänzt Gabriele Riedl, die einen Paradigmenwechsel in den Führungsetagen für notwendig hält, der die „Vorzüge der Frauen im „weicheren“ Umgang mit Menschen, im Erkennen von versteckten Signalen und Botschaften  “ als Stärke erkennt und nutzt. Für die Gesellschaft im allgemeinen „wird es im Prinzip darum gehen, dass der Staat entsprechende Rahmenbedingungen schafft - ausreichende Mindestbildung, Kinderbetreuungsangebote, Erwachsenenbildung  “, so Alexandra Supper. Dann wird der Anteil der Frauen in Führungspositionen auch weiterhin steigen.